Das dynamische Duo: MS-Forschung im Doppelpack

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Gemeinsame Gewinner des ersten MS-Forschungspreises (2023), der Sobek Preis für MS-Forschung (Prof. Kuhle, 2024) und nun zusammen eine Professur für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose im neuen Research Center RC2NB der Universität Basel (2025): Im Sport würde man von einem «Flow» sprechen.

Sind die Professoren Kuhle & Derfuss so etwas wie «der FC Basel oder FC Bayern der Forschung»?
Professor Tobias Derfuss
(nachfolgend TD): Wenn man den Vergleich bemühen will, dann vielleicht ja – aber nicht wegen Titeln oder Trophäen. Vielmehr ist es dieser besondere Teamspirit, der unsere Zusammenarbeit auszeichnet. Jens und ich haben über viele Jahre ein gemeinsames Verständnis entwickelt, wie wir wissenschaftlich arbeiten, klinische Fragestellungen anpacken und Projekte aufbauen. Es fühlt sich tatsächlich oft wie ein «Flow» an – weil wir ähnlich denken, aber auch unterschiedliche Perspektiven mitbringen, die sich gut ergänzen.

Professor Jens Kuhle (nachfolgend JK): Ich würde vielleicht eher sagen, wir sind eine Mischung aus dem FC Basel – lokal tief verwurzelt – und dem FC Bayern – mit dem Anspruch, auf höchstem Niveau zu spielen. Was unsere Zusammenarbeit besonders macht, ist die Kombination aus Vertrauen, kritischem Austausch und dem gemeinsamen Ziel, wirklich etwas für Menschen mit MS zu bewirken. Wir wissen, was wir aneinander haben, und wir gönnen uns gegenseitig die Erfolge. Das ist in der Forschung nicht selbstverständlich.


Wie kann man sich eine geteilte Professur* im Alltag vorstellen? Was ist daran gut, was sind die Herausforderungen?
TD
: Eine geteilte Professur ist wie eine gemeinsame Baustelle – im positiven Sinn. Wir stimmen uns eng ab, übernehmen Verantwortung für bestimmte Bereiche und tauschen uns regelmässig aus. Das Modell funktioniert gut, wenn man sich kennt, respektiert und offen kommuniziert. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Man kann sich vertreten, neue Ideen gemeinsam entwickeln und auch mal kritisch hinterfragen, ohne dass es gleich persönlich wird. Die Herausforderung liegt in der Abstimmung: man muss die Zeit dafür bewusst einplanen.

JK: Wir leben die geteilte Professur wirklich als Team. Das bedeutet konkret, dass wir uns regelmässig zusammensetzen, strategische Themen gemeinsam diskutieren und auch Entscheidungen gemeinsam treffen. Dabei ergänzen wir uns gut. Die Herausforderung liegt in der Synchronisation des Alltags – das braucht Vertrauen und eine gute Kommunikationskultur. Aber die Vorteile – mehr Tiefe, breitere Perspektiven, gegenseitige Entlastung – überwiegen deutlich.


Was schätzen Sie am jeweiligen Kollegen?
TD
: Was ich an Jens sehr schätze, ist seine beeindruckende Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge strukturiert zu durchdringen und in ruhiger, analytischer Weise zu kommunizieren. Er bringt nicht nur wissenschaftliche Exzellenz mit, sondern auch eine unglaubliche Klarheit und Verlässlichkeit. Er ist jemand, auf den man sich zu 100% verlassen kann – sowohl fachlich als auch menschlich.

JK: Tobias hat eine enorme klinische Erfahrung und ein sehr gutes Gespür für relevante Fragestellungen – er weiss, was die Menschen mit MS bewegt, und bringt das konsequent in die Forschung ein. Ich bewundere seinen kritischen Geist, seine Energie und seine Fähigkeit, auch in intensiven Phasen mit Humor und Menschlichkeit präsent zu sein. Für mich ist er ein idealer Partner in der gemeinsamen Arbeit.


Und mal als Advokat des Teufels gefragt: Was könnte der andere besser machen?
TD
: (Lacht) Jens ist ein wahnsinnig effizienter Mensch – manchmal so effizient, dass er sich selbst das Mittagessen spart. Da würde ich mir wünschen, dass er sich öfter kleine Pausen gönnt. Aber ehrlich gesagt ist das eher ein Luxusproblem – ich profitiere ja davon, dass er so produktiv ist.

JK: Tobias ist ein Powerhouse – er denkt schnell, agiert schnell und ist oft schon drei Schritte weiter. Manchmal würde ich ihm wünschen, dass er sich die Zeit nimmt, um auch mal einen Schritt zurückzutreten und das Ganze aus der Vogelperspektive zu betrachten. Aber das sage ich in vollem Respekt – denn genau dieser Drive ist oft der Motor unserer gemeinsamen Projekte.


Sie sind beide langjährige Mitglieder des Medizinisch-wissenschaftlichen Beirats (MSAB) der MS-Gesellschaft. Was ist ihre Motivation, in diesem Gremium dabei zu sein?
TD
: Für mich ist das MSAB eine sehr sinnvolle Plattform, um Forschung, Wissenschaft und die Interessen von Patientinnen und Patienten zusammenzubringen. Es geht darum, Entwicklungen einzuordnen, Qualität zu sichern und neue Impulse zu setzen. Ich finde es wichtig, dass wir als Forschende nicht nur publizieren, sondern uns auch strategisch engagieren – und dabei helfen, dass Forschung dort stattfindet, wo sie wirklich gebraucht wird.

JK: Ich sehe im MSAB eine Art Verantwortungsgemeinschaft. Dort kommen Menschen zusammen, die sich mit sehr unterschiedlichen Blickwinkeln für das Thema MS einsetzen. Die Motivation für mich liegt in der Möglichkeit, Forschung nicht nur selbst zu betreiben, sondern sie auch mitzugestalten – im Sinne der Betroffenen. Es ist auch eine gute Gelegenheit, voneinander zu lernen und eine gemeinsame Linie zu finden.


Welcher ganz praktische Nutzen geht für MS-Betroffene vom MSAB aus?
TD
: Ein zentrales Ziel des MSAB ist es, sicherzustellen, dass die verfügbaren Mittel möglichst effizient und im Sinne der Betroffenen eingesetzt werden. Das heisst konkret: Wir prüfen Projektanträge, diskutieren über Schwerpunkte und unterstützen innovative Ideen. Das Gremium sorgt also dafür, dass Fördermittel dort ankommen, wo sie den grössten Impact haben – sei es in der Grundlagenforschung oder in patientennahen Projekten.

JK: Der Nutzen für Betroffene liegt darin, dass das MSAB als Qualitätssicherung fungiert. Es hilft, die wissenschaftliche Relevanz und Umsetzbarkeit von Projekten zu bewerten und Prioritäten zu setzen. Aber es geht auch um Dialog: Wir bringen die Stimme der Forschung in die MS-Gesellschaft ein – und umgekehrt. Damit entsteht ein echter Austausch, der den Patientinnen und Patienten letztlich zugutekommt.


Sie arbeiten seit Jahrzehnten für und mit MS-betroffenen Menschen. Kann man als Forscher etwas von MS-Betroffenen lernen? Was beeindruckt Sie am meisten an Ihren Patientinnen und Patienten?
TD
: Ich lerne von meinen Patientinnen und Patienten immer wieder, was es heisst, mit Unsicherheiten zu leben – und trotzdem mutig zu bleiben. Die Resilienz, die Kreativität im Umgang mit alltäglichen Hürden, die Offenheit – das alles beeindruckt mich sehr. Es erinnert mich daran, dass unsere Forschung konkrete Auswirkungen auf das reale Leben hat – und dass wir verpflichtet sind, diese Verantwortung ernst zu nehmen.

JK: Ich bin oft tief berührt von der Offenheit und dem Vertrauen, das uns entgegengebracht wird – sei es in der Sprechstunde oder in klinischen Studien. MS-Betroffene zeigen uns, dass Lebensfreude und Krankheit sich nicht ausschliessen. Sie sind oft sehr gut informiert, stellen kluge Fragen und bringen neue Perspektiven ein. Das macht auch uns als Forschende besser.


Sie prägen und unterstützen die Arbeit der Schweiz. MS-Gesellschaft über eine lange Zeit. Wie schätzen Sie die Arbeit der Schweiz. MS-Gesellschaft ein?
TD
: Ich schätze die Schweiz. MS-Gesellschaft als sehr professionellen und engagierten Partner. Sie hat eine wichtige Brückenfunktion zwischen Betroffenen, Angehörigen, Fachpersonen und Forschenden. Sie ist offen für Innovation, fördert relevante Forschung und bietet gleichzeitig konkrete Hilfe im Alltag – das ist eine seltene und wertvolle Kombination.

JK: Für mich ist die Schweiz. MS-Gesellschaft ein Paradebeispiel für eine patientennahe, moderne Organisation. Sie denkt mit, sie hört zu und sie gestaltet mit. Ich habe die Zusammenarbeit immer als sehr konstruktiv erlebt – geprägt von gegenseitigem Respekt und einem gemeinsamen Ziel: die Lebensqualität von Menschen mit MS zu verbessern.


Welche 3 Eigenschaften sind für Ihre Arbeit als Wissenschaftler nützlich? Welche 3 Dinge (oder weniger) würden Sie an sich gerne ändern?
TD
: Ich denke, Neugier, Hartnäckigkeit und Teamfähigkeit sind zentrale Eigenschaften in unserem Feld. Man muss bereit sein, Dinge immer wieder zu hinterfragen – und gleichzeitig dranzubleiben. Wenn ich etwas ändern könnte, dann wäre es vielleicht, mehr Pausen einzuplanen und mir selbst weniger Termine pro Tag aufzuhalsen.

JK: Für meine Arbeit ist Struktur hilfreich – genauso wie Geduld und die Fähigkeit, Dinge präzise zu formulieren. Ich bin jemand, der gern schreibt und nach Klarheit strebt. Ändern würde ich gern meinen Hang zur Überverantwortung – ich sage zu oft «Ja», wenn ich eigentlich «Nein» sagen müsste. Daran arbeite ich.


Vor dem geistigen Auge des Laien sind Forscher immer im weissen Kittel im Labor anzutreffen. Wie entspannen Sie? Was macht Ihnen in der Freizeit Spass?
TD
: Ich finde Ausgleich in der Natur – sei es beim Wandern in den Bergen, beim Skifahren oder beim Spazierengehen mit der Familie. Auch Musik ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Es tut gut, etwas völlig anderes zu machen und den Kopf freizubekommen. Das gibt mir neue Energie für die Arbeit.

JK: Meine Familie ist für mich der wichtigste Ausgleich. Zeit mit meinen Kindern, kleine Ausflüge oder gemeinsame Reisen sind meine Kraftquellen. Und wenn es ganz konkret sein soll: Ich baue gern an unserer Carrera-Bahn mit meinen Söhnen – das verbindet Kindheitserinnerungen mit Technikbegeisterung und macht einfach Spass. So entsteht manchmal sogar ein Flow – ganz ohne Forschung.

Wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Interview.

* Mehr über die Forscher und ihre geteilte Professur:
«Zwei Ärzte teilen sich Professur für neu geschaffenes Research Center»