Globale und regionale Muster in Ernährungsgewohnheiten und der Prävalenz von Multipler Sklerose

Fragen an Stefanie Marti

Was ist die Hypothese Ihres Projekts?

Unsere Hypothese ist, dass bestimmte Ernährungsweisen das Risiko, an Multipler Sklerose (MS) zu erkranken, beeinflussen können. Nach aktuellem Stand der Forschung wird MS durch eine Kombination von genetischen Risikofaktoren und Umwelt- sowie Lebensstilfaktoren ausgelöst. 

Unser Ziel ist es, herauszufinden, welche Rolle die Ernährung in diesem komplexen Zusammenspiel hat, und welche Lebensmittel oder Ernährungsgewohnheiten mit der Entstehung einer MS-Erkrankung in Verbindung gebracht werden könnten.

Wie gehen Sie vor, um Ihre Hypothese zu prüfen?

Um die Rolle der Ernährung als Teil eines komplexen Zusammenspiels genetischer, umweltbedingter und sozioökonomischer Faktoren verstehen zu können, setzen wir auf einen datenbasierten Ansatz. Dazu werden wir frei zugängliche Daten der Global Dietary Database, die detaillierte Informationen über die Ernährungsgewohnheiten in 187 Ländern liefert, und Daten zur Verbreitung der MS aus dem Atlas of MS mit Daten der Vereinten Nationen, der Weltgesundheitsorganisation sowie mit geographischen Daten und Daten zur Verbreitung gewisser genetischer Risikofaktoren kombinieren. 

Dies erlaubt uns, Faktoren wie z.B. die Sonneneinstrahlung, die Luftverschmutzung, die Altersverteilung einer Gesellschaft, die Verbreitung anderer Gesundheitsfaktoren wie z.B. Adipositas, sowie Unterschiede in der Diagnoserate aufgrund unterschiedlicher Zugänglichkeit zu Gesundheitsleistungen zwischen Ländern zu berücksichtigen.

Basierend auf diesen Daten werden wir Länder aufgrund ihrer Ähnlichkeit bezüglich Ernährungsmuster und bezüglich anderer Risikofaktoren gruppieren. So können wir beispielsweise Länder erkennen, die ein ähnliches Profil an nicht-ernährungsbedingten Risikofaktoren haben, sich aber in der Ernährung und in der MS Prävalenz unterscheiden. 

Mit fortgeschrittenen statistischen Methoden analysieren wir nicht nur einzelne Nahrungsmittel, sondern auch ganze Ernährungsmuster, die mit einem geringeren MS-Risiko in Verbindung stehen könnten (wie beispielsweise die mediterrane Ernährung).

Was soll sich dank Ihrem Projekt verändern, und für wen?

Für MS-Betroffene verbessert sich die Beratungssituation, da die Resultate unserer Studie die Grundlage für eine evidenzbasierte Antwort auf die häufig in Sprechstunden gestellte Frage «Wie kann ich mich für meine MS gesunder ernähren?» bilden können. 

Auch Risikogruppen wie z.B. Menschen mit Radiologisch Isoliertem Syndrom oder Familienangehörige von MS-Erkrankten könnten von evidenzbasierten Ernährungsempfehlungen profitieren. 

Zudem wird unser Projekt die Grundlage für gezieltere Untersuchungen zu ernährungsbedingten Risikofaktoren für MS schaffen. Ein besseres Verständnis der Zusammenhänge zwischen Ernährung und MS könnte zudem zu massgeschneiderten gesundheitspolitischen Massnahmen sowie globalen Präventionsstrategien führen.

Was bereitet Ihnen beim Forschen besondere Freude?

Es bereitet mir besondere Freude, mit abstrakten Methoden und grossen, heterogenen Datensätzen komplexe Puzzles zu lösen und damit zu einer ganz konkreten Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit MS beitragen zu können.

Beschreiben Sie Ihren Werdegang:

Nach einem Doktorat in theoretischer Elementarteilchenphysik in Bern habe ich

als Postdoktorandin an einem biomedizinischen Forschungsinstitut in Barcelona meine Leidenschaft für die Anwendung komplexer statistischer Methoden zur Beantwortung biologischer Fragen entdeckt. Anschliessend habe ich als Datenwissenschaftlerin am Inselspital unter anderem das Multiple-Sklerose-Cockpit, ein von der FMH prämiertes, datenbasiertes System zur Verbesserung der Patientensicherheit bei Immuntherapien, entwickelt.

Seit drei Jahren arbeite ich nun als Datenwissenschaftlerin an der Universitätsklinik für Neurologie eng mit Ärztinnen und Ärzten zusammen, um die klinische Forschung sowie die Grundlagenforschung im Bereich MS zu unterstützen.