BALANCE-MS – Die Umsetzbarkeit eines hochintensiven, personalisierten Gleichgewichtstraining bei Personen mit Multipler Sklerose.

Fragen an Jens Bansi

Was ist die Hypothese Ihres Projekts?

Personen mit Multipler Sklerose (PmMS) haben oft Einschränkungen Ihres Gleich-gewichts. Einschränkungen innerhalb dieser Systeme führen rasch zu Stürzen, einer gesteigerten Sturzangst und eines weniger aktiven Alltags. Um das Sturzrisiko zu verringern und die Mobilität zu verbessern, wird ein Gleichgewichtstraining empfohlen. Die Effekte des Gleichgewichtstrainings sind aber noch nicht ausreichend erforscht, und es gibt bisher keine klaren Methoden, um die Intensität und die Progression des Gleichgewichtstrainings bei PmMS zu steuern.

Mit der Unterstützung von internationalen Expertinnen und Experten für MS haben wir ein personalisiertes, hochintensives Gleichgewichtstraining entwickelt, bei dem die Intensität und die Progression gezielt gesteuert werden. Wir erwarten, dass das personalisierte, intensive Gleichgewichtstraining für PmMS umsetzbar und wirksamer als das Standard Gleichgewichtstraining sein wird.

Wie gehen Sie vor, um Ihre Hypothese zu prüfen?

Diese Studie findet im Rehabilitationszentrum Valens in der Schweiz statt. Es werden 60 volljährige PmMS mit einer moderaten Beeinträchtigung (Expanded Disability Status Scale, EDSS 2.0–6.0) in die Studie eingeschlossen. Die Teilnehmenden werden zufällig in zwei Gruppen eingeteilt, wobei 40 Teilnehmende der Interventionsgruppe zugeteilt und 20 Teilnehmende der Kontrollgruppe zugeteilt werden.

Die Interventionsgruppe beeinhaltet das neu entwickelte personalisierte hoch intensive Gleichgewichtstraining (HiBT). Dabei werden in Form einer Eingangstestung die individuellen Defizite der betroffenen Gleichgewichtssysteme evaluiert. Um die Sicherheit bei hoher Trainingsintensität und Progression zu gewährleisten, findet das Training im ZeroG System statt. Das ZeroG System ist ein Gurtsystem, das freie Bewegungen erlaubt und gezielt Stürze abfängt. 

Es soll überprüft werden, ob das HiBT umsetzbar und durchführbar ist: Hierzu werden mit unterschiedlichen Forschungsmethoden (qualitativ und quantitativ) die verschiedene Aspekte der Machbarkeit analysiert. 

Mit der Erhebung der qualitativen Daten sollen folgende primäre Aspekte beantwortet werden: 

  1. Akzeptanz: Wie bewerten Teilnehmende und Therapierende das Training?
  2. Durchführung: Wie gut wird das Training umgesetzt?
  3. Praktikabilität/Umsetzbarkeit: Gibt es Nebeneffekte oder Gründe zum Abbrechen der Studie?
  4. Anpassung: Welche Änderungen sind nötig, damit das Training erfolgreich umgesetzt werden kann? 

Mit der Erhebung der quantitativen Daten sollen folgenden sekundäre Fragen beantwortet werden: Wie wirkt sich das Training auf Gleichgewicht, Gehfähigkeit, Lebensqualität, Mobilität, Müdigkeit, Kognition, und Sturzangst aus?

Für die Überprüfung der Wirksamkeit wird die Kontrollgruppe mit den 20 Teil-nehmenden benötigt. Die Teilnehmenden, die in die Kontrollgruppe zugeteilt werden, absolvieren das herkömmliche Gleichgewichtstraining (UBT) in der Gruppe, mit allgemeinen Übungen, ohne individuelle Anpassung oder Intensitätsüberwachung. Das Training ist das herkömmliche Training, das während einer Rehabilitation bei Gleichgewichtsproblemen durchgeführt wird. 

Was soll sich dank Ihrem Projekt verändern, und für wen?

Bisher gibt es keine strukturierten Ansätze, wie man die Intensität oder die Progression beim Gleichgewichtstraining individuell steuern kann. Diese Studie ist die erste, die einen methodischen Ansatz hierzu entwickelt hat, um strukturiert und personalisiert ein HiBT zu ermöglichen. So wird gewährleistet, dass auch Gleichgewichtstraining anhand von bestehenden Trainingsprinzipien (Eingangswerten, Overload, Progression) durchgeführt werden kann.

Dieser neue Ansatz wird den Therapeutinnen und Therapeuten helfen, das Gleichgewichtstraining von PmMS besser an deren individuellen Bedürfnisse und Ziele anzupassen.

Was bereitet Ihnen beim Forschen besondere Freude?

Seit 20 Jahren arbeite ich nun an den Kliniken Valens und habe innerhalb dieser Zeit die Dynamik der Veränderungen innerhalb der Klinikgruppe, innerhalb der klinischen Behandlungen und der Anforderungen des Gesundheitssystems direkt mitbekommen. Die angewandte und praxisnahe Forschung, wie sie an den Kliniken Valens praktiziert wird ist sehr spannend und hilfreich. Was mir besondere Freude bereitet, ist dass die Projekte aus der klinischen Praxis für die klinische Praxis entstehen und die Ergebnisse direkt der Praxis zugutekommen. Mich motiviert, dass ich so einen Beitrag leisten kann, die Rehabilitation und somit die Lebensqualität bei Personen mit MS zu verbessern.

Beschreiben Sie Ihren Werdegang:

Ich studierte Sportwissenschaften mit dem Schwerpunkt Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule in Köln, das ich 2002 erfolgreich abgeschlossen habe. Im Jahr 2014 promovierte ich im Bereich der molekularen und zellulären Sportmedizin. 

Seit 2004 bin ich als Sportwissenschaftler und Sporttherapeut an den Kliniken-Valens tätig. Seit 2018 habe ich Leitung der Abteilung Forschung und Entwicklung übernommen. Mein Forschungsgebiet umfasst die Wirkweisen von körperlicher Aktivität auf die Immun- und Gedächtnisfunktionen im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen. In meinem zweiten Profil bin ich zu 40% als Dozent an der OST-Ostschweizer Fachhochschule für angewandte Wissenschaften tätig.