Erforschung epigenetischer Mechanismen zur Förderung der Gehirnreparatur bei progressiver Multipler Sklerose
Fragen an Doron Merkler
Was ist die Hypothese Ihres Projekts?
Multiple Sklerose (MS) beschädigt das Myelin, die Schutzhülle der Nerven im Gehirn und Rückenmark. Bei progressiver MS kann das Gehirn diese Schäden nicht selbst reparieren, was zu einer Verschlechterung der neurologischen Symptome führt. Forschungen zeigen, dass epigenetische Veränderungen – also Modifikationen, die beeinflussen, wie Gene funktionieren, ohne die DNA-Sequenz zu ändern – die Myelinreparatur behindern können. Diese Veränderungen werden oft durch Entzündungen verursacht und haben langfristige Auswirkungen auf die Zellfunktion.
Unser Projekt untersucht, wie solche epigenetischen Veränderungen in Neuronen und Oligodendrozyten, den Myelin-bildenden Zellen, den Heilungsprozess blockieren können. Unser Ziel ist es, Methoden zu finden, um diese Veränderungen rückgängig zu machen und so den Reparaturmechanismus bei progressiver MS möglicherweise wieder zu aktivieren.
Wie gehen Sie vor, um Ihre Hypothese zu prüfen?
Um zu verstehen, warum das Gehirn aufhört, sich selbst zu reparieren, werden wir Gehirngewebe von Menschen mit MS untersuchen und es mit gesundem Gehirngewebe vergleichen. Dies wird uns helfen, die spezifischen «Anweisungsänderungen» (epigenetische Modifikationen) zu finden, welche mit eingeschränkter Myelinreparatur einhergehen können.
Wir werden auch ein neues MS-Modell bei Mäusen verwenden, das wir in meinem Labor entwickelt haben. Dieses Modell bildet das Fortschreiten von MS bei Betroffenen genauer ab als herkömmliche MS-Modelle. Es ermöglicht uns, zukünftig Behandlungsmethoden für progressive MS zu testen, die das Reparatursystem des Gehirns verbessern und mögliche epigenetische Veränderungen an Neuronen und Oligodendrozyten rückgängig machen.
Was bereitet Ihnen beim Forschen besondere Freude?
Meine Motivation ist die Neugier, immer weiter zu lernen und die Grenzen unseres Wissens zu erweitern.
In Bezug auf die MS-Forschung bedeutet dies, dass ich nicht nur die grundlegenden biologischen Prozesse erforschen möchte, sondern durch meine Arbeit auch neue Wege aufzeigen möchte, wie möglicherweise verbesserte Behandlungsmethoden entwickelt werden können, um in Zukunft konkrete Verbesserungen im Leben von Menschen mit MS zu bewirken.
Beschreiben Sie Ihren Werdegang:
Nach meinem Medizinstudium an der Universität Zürich promovierte ich in Nervenregeneration am Institut für Hirnforschung der Uni/ETH Zürich unter Prof. M. Schwab. Danach spezialisierte ich mich in Neuropathologie an der Universität Göttingen und vertiefte meine immunologischen Kenntnisse am Institut für experimentelle Immunologie bei Prof. Zinkernagel und Prof. Hengartner.
Mein Forschungsschwerpunkt liegt deshalb an der Schnittstelle von Neurowissenschaften und Immunologie, insbesondere bei entzündlichen Prozessen im Zentralnervensystem, wie sie bei Multipler Sklerose auftreten.
Zurück in der Schweiz gründete ich als SNF-Professor eine Forschungsgruppe, erhielt anschliessend einen Lehrstuhl an der Universität und am Universitätsspital in Genf und bin in der Diagnostik in Neuropathologie am HUG tätig.