ECTRIMS 2016

MS-Wissenschaftler aus aller Welt trafen sich vergangenen September in London zum jährlichen Kongress des European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS). ECTRIMS ist der grösste globale MS-Kongress, bei dem über 9000 Wissenschaftler und Ärzte zusammenkommen, um sich über die neusten Informationen und Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Behandlung, Versorgung und Bewältigung von MS auszutauschen.

Auf dem ECTRIMS-Kongresses wurden signifikante Fortschritte auf dem Gebiet der MS festgestellt und man erhielt Informationen über neue Studien, die sich mit der progredienten MS befassen. Nachstehend einige der Höhepunkte:


Positive Ergebnisse für ein Fingolimod-ähnliches Arzneimittel bei Patienten mit sekundär progredienter MS

Siponimod ist ein ähnliches Arzneimittel wie Fingolimod, hat jedoch eine gezieltere Wirkung auf die weissen Blutkörperchen. Somit könnte es im Vergleich zu Fingolimod weniger Nebenwirkungen haben, und das bei gleichem therapeutischem Nutzen.

In einer Phase-III-Studie unter dem Namen EXPAND (die grösste klinische Studie für Patienten mit sekundär progredienter MS, an der 1651 Patienten aus 31 Ländern teilgenommen hatten)  (Ludwig Kappos et al, abstract 250), erhielten die Teilnehmer täglich entweder ein Placebo oder eine Siponimod-Tablette. Weitere Ergebnisse der Studie, die beim ECTRIMS-Kongress veröffentlicht wurden, zeigten, dass MS-Patienten, die Siponimod erhalten hatten, nach drei bis sechs Monaten, gemessen anhand der Expanded Disability Status Scale (EDSS), eine langsamere Progression aufwiesen. Novartis, der Hersteller von Siponimod, wird die behördliche Zulassung beantragen, um dieses Medikament zur Behandlung der sekundär progredienten MS einsetzen zu können. Die Ergebnisse dieser Studie wurden zur Veröffentlichung vorgelegt. Über weitere Details wird berichtet sobald sie veröffentlicht werden. 


ORATORIO-Studie: Neue vielversprechende Informationen über Ocrelizumab, eine Therapie für Patienten mit primär progredienter MS

Im vergangenen Jahr wurden unter Ocrelizumab positive Ergebnisse für Patienten mit primär progredienter MS nachgewiesen (ORATORIO-Studie). Bei der ORATORIO-Studie handelt es sich um eine multizentrische, multinationale Arzneimittelstudie. (Jerome De Seze et al, poster 720, Gavin Giovannoni et al, poster 746, Jerry Wollinsky et al, poster 1278, Jerome De Seze et al, poster 1279). In diesem Jahr stellten verschiedene Gruppen neue Daten aus aller Welt zu dieser Studie vor. Die Behandlung mit Ocrelizumab zeigte positive Auswirkungen auf das Gehvermögen und verlangsamte die Progredienz der Behinderung. Die häufigste Nebenwirkung war eine Reaktion an der Infusionsstelle.


Risikofaktoren für MS: Rauchen, Vitamin D und Übergewicht

Bei einem Teil der Patienten mit MS beginnt die Erkrankung, ohne dass alle Kriterien für eine MS-Erkrankung erfüllt sind (klinisch isoliertes Syndrom). Einige Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom entwickeln im weiteren Verlauf eine klinisch gesicherte MS-Erkrankung. Faktoren, die den Übergang von einem klinisch isolierten Syndrom zu einer MS-Erkrankung beeinflussen können, sind von hohem Interesse, falls es möglich ist, etwas an diesen Faktoren zu ändern und somit den Anteil der Patienten zu reduzieren, bei denen das Syndrom sich zu einer gesicherten MS-Erkrankung entwickelt.

Forschende des MS-Zentrums in Barcelona (CEMCAT) berichteten über ihre Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen Vitamin D und Nikotinkonsum zum Zeitpunkt der Diagnose des klinisch isolierten Syndroms und dem Risiko, eine MS-Erkrankung zu entwickeln, sowie zur Progredienz der Behinderung bei Teilnehmern, die sie über mehrere Jahre beobachtet hatten. (Maria Isabel Zuluaga et al, abstract 252).

Die Forschenden untersuchten den Vitamin-D-Spiegel bei 503 Personen mit klinisch isoliertem Syndrom. Sie untersuchten ausserdem einen Nikotin-Marker im Blut (Cotinin) bei 464 Personen mit klinisch isoliertem Syndrom. Diese Studie begann 1995, die Teilnehmer wurden durchschnittlich über einen Zeitraum von 8 Jahren beobachtet (einige bis zu 15 Jahren). Die Forschenden stellten keine signifikante Erhöhung bei der Entstehung einer gesicherten MS-Erkrankung bei Personen mit niedrigem Vitamin-D-Spiegel oder bei Rauchern fest. Es wurde jedoch nachgewiesen, dass sowohl ein niedriger Vitamin-D-Spiegel als auch Nikotinkonsum signifikante Auswirkungen auf die Entstehung einer stärker ausgeprägten Behinderung bei den Studienteilnehmern hatten. Daher können diese beiden Risikofaktoren, sofern sie entsprechend beeinflusst werden, die Progredienz der Behinderung bei Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom verlangsamen.

Patienten mit schubförmig remittierender MS werden häufig mit Interferon-Injektionen behandelt. Eine Studie des dänischen MS-Zentrums (Petersen et al, Righospitalet, University of Copenhagen, Denmark, abstract 178) mit 1145 Patienten mit schubförmig remittierender MS zeigte, dass der Nikotinkonsum das Ansprechen auf die Interferon-Therapie signifikant beeinflusst. Die Forschenden stellten fest, dass Patienten mit MS, die mehr Nikotin konsumierten, schlechter auf die Interferon-Therapie ansprachen.

In einer anderen Studie der University of California in Berkeley und San Francisco (poster 454), stellten sich Lisa Barcellos und ihre Kollegen die Frage, ob der Body-Mass-Index (ein Index zur Definition des Normalgewichts) Auswirkungen auf das Risiko hat, eine MS-Erkrankung zu entwickeln. Die Forschenden untersuchten eine grosse Population von MS-Patienten sowie gesunden Freiwilligen aus den USA und Schweden (rund 20 000 Personen). Sie stellten einen Kausalzusammenhang zwischen einer krankhaften Gewichtszunahme (übergewichtige oder adipöse Personen) und dem Risiko einer MS-Erkrankung fest. Die Autoren wiesen darauf hin, dass diese Beobachtung auf die Auswirkungen des Übergewichts auf das Immunsystem zurückzuführen sein könnte.

Auf der ECTRIMS-Website sind weitere Abstracts zu finden.

Quelle: www.msif.org 29. September 2016

Interview mit PD Dr. med. Christian Kamm

Auch zahlreiche Vertreter des wissenschaftlichen Beirates der Schweizerischen MS Gesellschaft informierten über ihre Forschungsprojekte.

Dr. med. Christian Kamm Mitglied des wissenschaftlichen Beirats und Leiter des MS Zentrums des Luzerner Kantonsspitals benennt im Interview die wichtigsten Erkenntnisse des ECTRIMS Kongresses. Unter anderem gibt es neue Behandlungsmöglichkeiten bei primär progredienten und sekundär progedienten Verläufen der MS. Auch die Stammzelltransplantation war am ECTRIMS ein «Hot Topic».

Dies und warum diese Kongresse für die MS Forschung so wichtig sind erfahren Sie im Video.

Interview mit PD Dr. med. Christian Kamm