ECTRIMS 2015

Multiple Sklerose aufhalten – Neues zu Therapien

Mehr als 9.000 Teilnehmer diskutierten auf der Jahrestagung des European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) in Barcelona Forschungsergebnisse zu Grundlagen und Therapien der Multiplen Sklerose: Der DMSG-Bundesverband stellt einige Highlights vor.

Viele Studien zeigten, dass verfügbare Therapien weiterhin wirksam und sicher sind und eine frühe, anhaltende Therapie mit verlaufsmodifizierenden Medikamenten Nutzen über lange Zeiträume bringt - hinsichtlich Krankheitsaktivität, Progression, Behinderungsgrad und Erhalt der Lebensqualität. Darüber hinaus wurde über diverse neue Ansätze berichtet.

Ocrelizumab bei Primär Progressiver MS

Ocrelizumab ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen eine spezielle Gruppe von B-Zellen im Immunsystem gerichtet ist. Von B-Zellen weiß man, dass sie bei der Bekämpfung von Infektionen hilfreich sind. Es wird angenommen, dass sie auch an den zerstörerischen Autoimmunvorgängen bei Multipler Sklerose eine Rolle spielen. Auf der ECTRIMS-Tagung wurden Ergebnisse einer Studie mit 732 Patienten vorgestellt, die an primär progredienter MS erkrankt waren.
Die Teilnehmer erhielten alle 6 Monate mittels intravenöser Infusion entweder Ocrelizumab oder ein Placebo. Es zeigte sich, dass der Wirkstoff gegenüber Placebo das Risiko der Krankheitsprogression, gemessen mit Hilfe der EDSS-Skala, um 24% verringerte und darüber hinaus auch weitere positive Begleiterscheinungen mit sich brachte. Hauptsächliche Nebenwirkungen waren Infusionsreaktionen und ein leichtes Ansteigen des Infektionsrisikos. Auch nach Abschluss der Studie laufen die Sicherheitsanalysen weiter. (Abstract 228)

Ocrelizumab bei schubförmiger MS

Positive Ergebnisse gab es auch in zwei Phase III-Studien mit Ocrelizumab bei schubförmiger MS, in denen dessen Wirksamkeit im Vergleich zu Interferon beta-1a geprüft wurde. Hier reduzierte Ocrelizumab das Schubrisiko im Vergleich zum Interferon um 46 bis 47% und das Risiko einer Progression um 40%. Nebenwirkungen waren auch hier Infusionsreaktionen und eine leichte Zunahme von Infektionen. Der Hersteller plant, Anfang 2016 einen Zulassungsantrag für Ocrelizumab zu stellen. (Abstract 190)

Minocyclin schon vor einer endgültigen MS-Diagnose

Dr. Luanne Metz von der Universität Calgary berichtete über eine Phase III -Studie mit einem relativ kostengünstigen, oral einzunehmenden, Antibiotikum mit dem Namen Minocyclin, das häufig zur Aknebekämpfung verschrieben wird und zu einer Verbesserung des Hautbildes bei dieser Erkrankung führt. Minocyclin kann nicht nur Bakterien abtöten, sondern zeigt auch eine entzündungshemmende Wirkung. In der Studie wurde die Wirkung von Minocyclin gegen Placebo bei 144 Patienten getestet, die noch nicht die endgültige MS-Diagnose erhalten, sondern bei denen ein so genanntes CIS, ein erstes neurologische Symptom, aufgetreten war. Die Testsubstanz wurde zweimal täglich eingenommen. Nach 6 Monaten hatten diejenigen Testpersonen, die den Wirkstoff eingenommen hatten, im Vergleich zur Placebogruppe ein um 44,6% vermindertes Risiko, eine klinisch definierte MS zu entwickeln. Es gab keine unerwarteten Nebenwirkungen über diejenigen hinaus, die für dieses Antibiotikum bekannt sind. Wichtig ist, dass Minocyclin nicht in der Schwangerschaft angewendet werden darf. (Abstract 227)

5-Jahresresultate für Alemtuzumab

Berichte von zwei gegenwärtig noch andauernden Verlängerungsstudien mit Alemtuzumab, das für die hoch aktive schubförmige MS bereits zugelassen ist, zeigten auch nach 5 Jahren weiterhin eine Wirksamkeit gegen Schübe und einen Verlust an Hirnvolumen. Die Teilnehmer hatten bereits an den Studien CARE I und CARE II teilgenommen; viele von ihnen hatten lediglich zweimal die Infusion im Abstand von 1 Jahr erhalten. Die Nebenwirkungen entsprachen denen in den Originalstudien und wurden teilweise in der Verlängerung auch geringer. (Abstracts 151, 152)

Besonders im Fokus: Therapien für die progressiven (progredienten) Formen der MS

Bisher gibt es für diese Formen der MS weder eine verlaufsmodifizierende Therapie noch ein tieferes Verständnis dafür, was sie so besonders macht. Aus diesem Grund konzentrierte sich Prof. Alan J. Thompson, einer der weltweit angesehensten MS-Experten, in einem Grundsatzvortrag darauf, einerseits bestehende Wissenslücken aufzuzeigen und andererseits darzustellen, welche Fortschritte in der Forschung gemacht worden sind. An den progredienten Formen der MS (primär und sekundär progredient) leiden ca. die Hälfte aller MS-Erkrankten, so Thompson. Er betonte die besondere Bedeutung der Anstrengungen der "Progressive MS Allianz", die die Forschung zu diesem besonderen Thema weltweit vorantreibt.

Personalisierte Medizin

In einer weiteren Grundsatzrede betonte Prof. Giancarlo Comi aus Mailand, ebenso ein weltweit anerkannter MS-Experte, wie wichtig neue Therapieansätze sind. Es braucht dringend Erkenntnisse, die eine besser personalisierte Medizin möglich machen, so Comi. Personalisierte Medizin basiert auf der Kenntnis spezieller Krankheitscharakteristika und vorausschauender Marker, die es ermöglichen, eine bestmöglich angepasste Therapie für jeden einzelnen Patienten zu finden. Prof. Comi stellte auch heraus, wie wichtig eine frühestmögliche Behandlung ist, um bessere Therapieergebnisse zu erhalten. Nach seiner Meinung wird es in Zukunft darum gehen, die Krankheit so früh und so wirkungsvoll als möglich zu bekämpfen.

Viele der präsentierten Ergebnisse sind vorläufiger Art, müssen zum Teil noch bestätigt und letztlich auch in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Sie zeigen aber, welch immense Anstrengungen weltweit unternommen werden, um den Geheimnissen der Erkrankung Multiple Sklerose auf die Spur zu kommen und Fortschritte bei deren therapeutischer Bewältigung zu erzielen.

Auf der ECTRIMS-Website sind weitere Abstracts zu finden.

Quelle: www.nationalmssociety.org - 21. Oktober 2015
Quelle: DMSG Bundesverband e.V. - 27. Oktober 2015