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Tierisch gute Freunde: Roger und die Vogelspinnen

Mein Name ist Roger Herrmann. Ich bin 40 Jahre jung und bekam meine MS-Diagnose 2018 im Alter von 37 Jahren.

Und wer sind deine «tierischen Freunde»?
Meine MS-Diagnose war für unsere Familie nicht einfach und riss mir den Boden unter den Füssen weg. Da erzähle ich hier jedoch ganz sicher nichts Neues oder Unbekanntes. Was ist denn bei mir nicht ganz alltäglich, im Vergleich zu anderen MS-Betroffenen? Haustiere! Da denkt sich der eine oder andere bereits, «Hmmm, wir halten auch Hund und Katz, was soll daran besonders sein?». Ja, auch bei uns wohnen 2 Hunde, 1 Katze, mehrere Fische und auch bis hier bewegt sich immer noch alles in einem «normalen» Rahmen. Das Tier aber, welches uns und besonders mir geholfen hat und auch weiterhin tut, ist eines, das bei vielen doch eher Ekel und Angst weckt: Die Vogelspinne. Auch Vogelspinnen sind heute in der Hobby-Tierhaltung nicht mehr ganz so selten anzutreffen. Mir haben sie teilweise geholfen, gewisse Bereiche zu verbessern, welche unter anderem durch die MS direkt und indirekt negativ beeinflusst wurden.

Wie habt ihr zueinander gefunden?
Unsere Tochter und ich haben meine bessere Hälfte ungefähr 1 Jahr nach der Diagnose gemeinsam zum Kauf unserer ersten Vogelspinne überredet. Der ursprüngliche Sinn und Zweck war, die Beziehung zu meiner Tochter mit einem gemeinsamen Hobby zu stärken. Mein mentaler Tiefflug und die bei ihr einsetzende Pubertät hatten unser Verhältnis nicht gerade vorangetrieben, sondern eher, mit Felsen im Weg, zum Stillstand und teilweise Rückschritt gezwungen. Zusammen konnten wir unsere Beziehung auf einen Höhenflug schicken, haben Zeit miteinander verbracht, während der wir gemeinsam Terrarien eingerichtet haben, andere Spinnenhalter besuchten und fachsimpeln konnten. Auch meine Frau und unseren Sohn konnten wir ein bisschen für das Hobby, beziehungsweise das Tier «Vogelspinne» interessieren. Sie sind aber weiterhin zurückhaltend (hehehe). Ebenfalls haben wir uns vorgenommen, die Vogelspinne weiteren Interessierten oder auch Skeptikern näher zu bringen und einen YouTube- wie auch Instagram-Kanal gestartet.

Wirkt sich dein Tier positiv auf deinen Alltag mit Multipler Sklerose aus? Welche körperlichen und psychischen Vorteile bringt dir euer Zusammenleben?
Ein Effekt, welcher die Vogelspinne mitbringt, ist die kognitive Beschäftigung. Mein Kopf wird durch die MS ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen und ermüdet dadurch sehr schnell. Sudoku auf Zeit zu lösen, ist je nach Tagesform und Vorbelastung nicht möglich - und auch Lesen wird zum reinen Spiessrutenlauf, was natürlich bei der Recherche zu einer neuen Spinne nicht gerade hilfreich, aber auch nicht täglich nötig ist. Vogelspinnen sind sehr interessante Tiere und es gibt viel zu beobachten oder auch zu tüfteln, was den Kopf angenehm be-, aber nicht überlastet. Wie gross muss das nächste Terrarium sein? Wie richte ich dieses ein? Woher kommt das Tier? Die möglichen Fragen können schier ins Unendliche weitergetrieben werden und sind auch bei der Vogelspinne nicht fertig! Auch Spinnentiere möchten gerne etwas fressen und da kommen dann plötzlich Fragen wie, was man verfüttern möchte, ob man die Futtertiere selbst züchten möchte oder im Zoofachgeschäft kaufen geht und auch hier hat man dann wieder ein ähnliches Spektrum an möglichen Varianten.

Was mir gerade jetzt beim Schreiben dieses Beitrages auffällt ist, dass man bei der Haltung dieser Tiere viele Variablen hat, welche man selbst beeinflussen kann und somit die Möglichkeit hat die Haltung ziemlich gut auf seinen individuellen MS-Status anzupassen. Allein bei der Frage der Lebenserwartung hat man die Möglichkeit, zwischen 3-5 Jahren (männliche Tiere einiger Gattungen) oder bis um die 25 Jahre (weibliche Tiere einiger Gattungen) zu wählen.

Wir haben nun zwischenmenschliche, psychische und kognitive Aspekte sowie die Variabilität der Vogelspinnenhaltung kurz beleuchtet. Gibt es da denn noch mehr? Ja! Man stelle sich vor, die Acht-Beiner können sogar physiologisch etwas bieten! Unsere Hunde brauchen ihren Auslauf und wenn mein rechtes Bein nicht funktionieren möchte, habe ich da bereits ein Problem, glücklicherweise bin ich nicht allein und erfahre die nötige Unterstützung von der ganzen Familie. Jemand Alleinstehendes sagt sich hier: «Na, ich möchte sowieso eine Katze!». Klar, ein Stubentiger geht für sich Gassi und sieht den Menschen sowieso nur als Handlanger, der nötig ist, um die Futterdose zu öffnen. Auch hier hätte ich allein ein Problem. Da praktisch meine komplette rechte Körperhälfte betroffen ist, bleibt es leider nicht nur bei Tagen, wo das rechte Bein nicht möchte, sondern ich kaum einen Bleistift halten, geschweige denn einen Dosenöffner bedienen kann.

Nun, eine Vogelspinne nimmt es einem nicht übel, wenn man nicht mit ihr spazieren geht, im Gegenteil mag sie ihr Umfeld eher ruhiger. Mit zunehmendem Alter und Grösse werden auch die Fütterungsintervalle länger und so reicht es ja nach Spezies, wenn ein ausgewachsenes Tier alle 2 bis 3 Wochen Futter bekommt. Wird dieser Zeitraum einmal überschritten, passiert auch noch nicht viel, es dauert recht lange, bis eine Spinne abnimmt. Einige Tiere machen in der Häutungsphase sogar noch längere Diäten, eine unserer Spinnen hatte über 6 Monate (!)  jegliches Futter verweigert. Okay, in einer solchen Phase, muss fairerweise auch gesagt werden, sieht man das Tier kaum, womit dann auch nicht viel zu beobachten ist.

Gibt es auch Probleme, Sorgen?
Alles in allem ist das Haustier Vogelspinne ein sehr variabler, genügsamer Weggefährte, der eine hohe Toleranz für Versäumnisse (z.B. Fütterung) an den Tag legt. Leider sind Vogelspinnen, so flauschig gewisse Spezies auch aussehen, keine Kuscheltiere und so beschränkt sich die direkte Interaktion mit diesen tierischen Freunden auf das Füttern und Putzen des Terrariums, der Rest sollte durch die Glasscheibe passieren.

An dieser Stelle eine «Warnung»Sollte nun jemand erwägen, bei sich eine Vogelspinne aufzunehmen, so seid gewarnt, von der einen Brachypelma boehmei (Mexikanische Rotbeinvogelspinne) von damals, ist unsere Sammlung bis heute auf über 100 Spinnentiere angewachsen. Hat man einmal damit angefangen, sich mit diesem Tier zu beschäftigen, besteht grosses Suchtpotential. Natürlich stellt dieser Beitrag nur einen kleinen Einblick dar und hat keinesfalls den Anspruch, ein Fach-/Sachbuch zu ersetzen. Eine grosse Bitte, wenn nicht sogar Forderung: Wer in dieses Hobby einsteigen möchte, muss sich zuerst umfassend über alles informieren und beraten lassen. Die beste Variante ist hier die Beratung vor Ort bei einem Züchter. Es gibt so viele verschiedene Spezies, welche aus verschiedensten Regionen kommen und deshalb auch verschiedene Anforderungen stellen. Ein Tier aus der Wüste in ein Regenwaldterrarium zu setzen, wäre eine ähnliche Tierquälerei, als würde man einen Pinguin aus seiner Eiswüste entführen und mitten in der Sahara aussetzen.

Kannst du anderen MS-Betroffenen (d)ein Haustier empfehlen? Welche Voraussetzungen müssen für eine funktionierende «Partnerschaft» definitiv erfüllt sein?
Ja, die Vogelspinne ist ein sehr interessantes Tier, welches einfach und mit wenig Aufwand zu halten ist. Man sollte sicher keine Angst vor Spinnentieren haben aber den nötigen Respekt zeigen und sich auch mit der Frage auseinandersetzen, was zu tun ist, wenn es ein Tier schafft auszureissen (zum Beispiel beim Umzug oder bei der Fütterung).

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