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Stammzelltransplantation bei MS – Kostenübernahme und regulatorischer Rahmen

Die Behandlung einer aggressiven Multiplen Sklerose mittels Transplantation körpereigener Blutstammzellen wird zunehmend als alternative Behandlungsform neben klassischen Immuntherapien thematisiert. In der Schweiz wird das Verfahren indes erst vereinzelt angewendet. Dieser Artikel vermittelt Einblicke in die regulatorischen Hintergründe und einen Ausblick auf die künftige Entwicklung.


von Philipp do Canto, lic. iur. Rechtsanwalt - Vorstandsmitglied der Schweiz. MS-Gesellschaft

  • Grafik Stammzellentransplantation
    © Scleroseforeningen

Wie sieht der aktuelle Gesetzesrahmen für eine Kostenübernahme aus?

In der Schweiz werden stationäre ärztliche Behandlungen ganz allgemein von der obligatorischen Krankenversicherung vergütet. Diese obligatorische Leistungspflicht gilt jedoch nicht ausnahmslos. Bei neueren Therapien, deren Wirksamkeit noch in Abklärung steht, bestimmt der Bundesrat, inwiefern die Krankenkassen die Behandlungskosten übernehmen müssen.

Dies ist der Fall beim Einsatz der autologen hämatopoetischen Stammzellentransplantation (aHSCT; zum medizinischen Ablauf s. Artikel vom 19. Februar 2017). Obwohl aHSCT als medizinische Therapie seit vielen Jahren bei Leukämie anerkannt ist und die Versicherungen die Kosten in solchen Fällen auch übernehmen, sieht die Regelung bei MS anders aus. Bei MS sind die bisherigen Behandlungserfolge noch nicht in einer neurologischen Breitenstudie bestätigt worden. Trotz der an sich deckungsgleichen Behandlungsform setzt die Krankenpflege-Leistungsverordnung daher hohe Hürden für eine Kostenübernahme bei MS.

Eine Kostenübernahme kommt nur unter den folgenden Voraussetzungen in Frage:

  • Die MS-Betroffenen wurden zuvor entweder erfolglos mit konventionellen Therapien behandelt oder sie weisen eine deutliche Progression auf.
  • Zudem muss die aHSCT-Behandlung im Rahmen einer klinischen Multizenterstudie erfolgen, also im Rahmen einer breit angelegten Zulassungsstudie.
  • Schliesslich braucht es eine vorgängige besondere Gutsprache der Krankenkasse. Für diese wiederum braucht es eine ausdrückliche Bewilligung des Vertrauensarztes (SVK).

Mithin ist das regulatorische Umfeld für aHSCT bei MS zurzeit sehr restriktiv ausgelegt. Eine Kostengutsprache im Einzelfall liegt selbst dann im Ermessen der Krankenkassen, wenn MS-Betroffene sich von ausgewiesenen Fachspezialisten behandeln lassen. Im Ergebnis müssen die hohen Kosten von rund 160‘000 Franken in der Schweiz heute meist von den Patienten selber getragen werden.

Übernimmt in Zukunft die Krankenkasse die Kosten der aHSCT bei MS?

Die geltende Regelung ist befristet bis Ende 2017. Was danach kommt, ist offen. Ein Gesuch aus dem Umfeld des Universitätsspitals Zürich um Aufnahme der aHSCT in den Pflichtleistungskatalog bei der zuständigen Kommission des Bundes (ELGK) ist zurzeit hängig. Die Kommission will sich zum hängigen Verfahren nicht äussern.

Bereits heute lässt sich aber sagen: Eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Aufnahme der aHSCT ist ein positiver Abschluss der erwähnten Zulassungsstudie. Bei solchen, auch Phase-3-Studie genannten Vorhaben handelt es sich um klinische Studien, bei denen neue Therapien in einem breit angelegten Versuch erprobt werden, um festzustellen, ob sich Wirksamkeit und Unbedenklichkeit bei vielen unterschiedlichen Patienten bestätigen lassen.

Führende MS-Zentren und Transplantationsexperten in der Schweiz und in Europa arbeiten zurzeit an der Umsetzung einer Zulassungsstudie mit bis zu 200 Patienten. Auch in den USA sind Bestrebungen im Gang. Dies erlaubt einen gewissen Optimismus, dass die Stammzellentransplantation in Zukunft auch in der Schweiz ins Kassenobligatorium übernommen wird.

Im Falle einer Aufnahme in den Pflichtleistungskatalog ist sicherzustellen, dass die aHSCT bei entsprechend positiven Ergebnissen den konventionellen Therapien gleichgestellt wird. So müssen Betroffene, die für eine Behandlung in Betracht kommen, nicht zunächst eine konventionelle Therapie durchschreiten.

Für Betroffene mit zunehmend eingeschränkter Lebensqualität stellt das regulatorische Umfeld indes bis auf weiteres eine Geduldsprobe dar. Aufgrund der vielversprechenden wissenschaftlichen Ergebnisse sowie der Wirtschaftlichkeit ist daher bereits im jetzigen Stand eine Lockerung der geltenden Regelung zu fordern.

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