Detail

Sprachnavigation

Mobile Navigation

MS und Covid-19: Empfehlungen für die Schweiz

Schweizweit steigen die Fallzahlen der an Covid-19 Erkrankten. Welches Infektionsrisiko besteht für Multiple Sklerose Betroffene und was gilt es in dieser Situation insbesondere hinsichtlich der Anwendung von verlaufsmodifizierenden MS-Therapien zu beachten?

Credit: NIAID-RML, Wikimedia.com, CC BY 2.0

Empfehlungen des Wissenschaftlichen Beirats und der Schweiz. Neurologischen Gesellschaft - UPDATE vom 21. März 2020

Grundsätzlich sind die allgemeinen Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) auch für alle MS-Betroffenen gültig. Das Einhalten der hier genannten Regeln ist dabei als Vorsichtsmassnahme zum Schutz vor einer Infektion von grösster Bedeutung.

Darüber hinaus sollten folgende Empfehlungen beachtet werden:

  • Vermeiden Sie öffentliche Versammlungen und Menschenmengen.
  • Vermeiden Sie, wenn möglich, die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel.
  • Nutzen Sie nach Möglichkeit Alternativen zu den routinemässigen Arztterminen von Angesicht zu Angesicht (Nutzen Sie stattdessen z.B. das Telefon).

Wenn Sie an MS leiden, haben Sie zunächst einmal das gleiche Risiko, sich anzustecken, wie jeder andere auch.

Für Menschen mit MS besteht nicht generell ein höheres Risiko, ihr Immunsystem ist durch MS nicht von vorne herein geschwächt.

Sind gewisse MS-Betroffene besonders gefährdet und im Sinne des BAG besonders schützenswert?

Bei Menschen mit gesundheitlichen Grunderkrankungen und älteren Menschen ist es wahrscheinlicher, dass Komplikationen auftreten und Covid-19 bei ihnen schwerer verläuft.

Das Bundesamt für Gesundheit stuft folgende Personengruppen als besonders gefährdet ein.

- Personen ab 65 Jahren
- Personen mit diesen Vorerkrankungen:

  • Bluthochdruck
  • Chronische Atemwegserkrankungen
  • Diabetes
  • Erkrankungen und Therapien, die das Immunsystem schwächen
    (Anmerkung: nicht jede Immuntherapie bei MS ist gleich einzuschätzen, eine Aufstellung spezifischer MS-Therapien findet sich weiter unten)
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Krebs

Sollen MS-Betroffene ihre MS-Therapie fortführen?

In aller Regel sollen die Therapien planmässig fortgesetzt werden. Der behandelnde Neurologe, die behandelnde Neurologin kann aber eine Verschiebung eines Behandlungsstarts, respektive Einzelheiten zur Behandlungsfortsetzung erwägen.

Bevor eine Immuntherapie begonnen wird, sollten Neurologen und MS-Betroffene bei der Auswahl der am besten für das Individuum geeigneten Therapie die aktuelle Situation beobachten und berücksichtigen.

Welche Medikamente führen zu einer Schwächung meines Immunsystems?

Insgesamt gibt es aufgrund der Dynamik der Covid-19 Erkrankung bisher keine eindeutigen Daten zum Risiko einzelner Substanzen. Die hier getroffene Einschätzung beruht somit auf Expertenkonsensus. Daneben gilt, dass jede Therapieentscheidung durch den behandelnden Neurologen/die behandelnde Neurologin gemeinsam mit den Betroffenen getroffen werden muss, da eine Vielzahl von Aspekten in die individuelle Nutzen- und Risikoabschätzung einfliessen. Grundsätzlich sollte bei Unsicherheit bezüglich des Infektionsrisikos der behandelnde Neurologe, die behandelnde Neurologin gefragt werden (möglichst telefonisch oder schriftlich). Medikamente, die die MS-Symptome wie z.B. Spastik oder Schmerzen lindern, sind von diesen Erwägungen nicht betroffen.

  • Genauere Ausführungen zu MS-Medikamenten

    MS Betroffene ohne immunmodulierende Therapie sind nicht zusätzlich gefährdet, es sei denn, es bestehen andere Risikofaktoren (siehe oben).

    Unter Therapie mit einem Interferon-beta Präparat (Avonex®, Rebif®, Plegridy®, Betaferon®, Extavia®) oder mit Glatirameracetat (Copaxone®) ist von keinem zusätzlich erhöhten Risiko (Infektionsrisiko und/oder schwererem Infektionsverlauf) auszugehen.

    Unter bestimmten Umständen können folgende orale verlaufsmodifizierende Medikamente die Fähigkeit des Immunsystems reduzieren, auf Infektionen zu reagieren: Dimethylfumarat (Tecfidera®) und Teriflunomid (Aubagio®), v.a. bei reduzierten Lymphozytenzahlen.

    Unter Therapie mit Fingolimod (Gilenya®) besteht ein leicht erhöhtes Risiko für Infektionen und/oder schwererem Infektionsverlauf der Atemwege. Auch diese Therapie sollte aber dennoch fortgeführt werden, um eine Wiederkehr der Krankheitsaktivität zu verhindern. In diesen Fällen spielt der Schutz vor einer Infektion eine ganz besondere Rolle.

    Natalizumab (Tysabri®) führt – nach aktueller Einschätzung – nicht zu einem zusätzlich erhöhten Risiko für Atemwegserkrankungen.

    Therapien, die die Zahl der verfügbaren Abwehrzellen über die Dauer der Anwendung hinaus reduzieren [Alemtuzumab (Lemtrada®), Cladribin (Mavenclad®), off-label Rituximab, Ocrelizumab (Ocrevus®)] erhöhen das Infektionsrisiko und das Risiko eines schwereren Infektionsverlaufs besonders in den ersten Wochen nach der Einnahme/Infusion.

    Eine Schubtherapie mit hochdosiertem Kortison kann das Infektionsrisiko und/oder das Risiko eines schwereren Infektionsverlaufs vorübergehend erhöhen. Inwieweit die Schubtherapie notwendig ist, sollte individuell entschieden werden.

    Die Verabreichung bzw. Neueinstellung auf Medikamente, bei denen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf besteht, kann bei entsprechender Nutzen/Risiko-Abwägung verschoben werden.

Das BAG empfiehlt Schutzmassnahmen für besonders gefährdete Personen

«Besonders gefährdete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erledigen ihre arbeits-vertraglichen Pflichten von zu Hause aus. […] Können Arbeitstätigkeiten aufgrund der Art der Tätigkeit oder mangels realisierbarer Massnahmen nur am üblichen Arbeitsort erbracht werden, so sind die Arbeitgeber verpflichtet, die Einhaltung der Empfehlungen des Bundes betreffend Hygiene und sozialer Distanz sicherzustellen. […] Ist dies nicht möglich, so werden sie vom Arbeitgeber unter Lohnfortzahlung beurlaubt. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer machen ihre besondere Gefährdung durch eine persönliche Erklärung geltend. Der Arbeitgeber kann ein ärztliches Attest verlangen.»

>> Verordnung 2 über Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus (COVID-19)
Stand am 21. März 2020 - 
Bitte beachten Sie tagesaktuelle Änderungen

Sollen sich MS-Betroffene, die zu einer Risikogruppe gehören isolieren?

Soweit dies möglich ist, sollte man das sogenannte «social distancing» einhalten, die Hygieneregeln befolgen und konsequenterweise zuhause bleiben. Da sich in grossen Teilen der Schweiz Covid-19 stark ausbreitet, gilt dies für alle Personen.

>> Beachten Sie auch hier regelmässig die Empfehlungen des BAG

Was bedeutet es für meine Gesundheit, wenn ich tatsächlich an Covid-19 erkranken sollte?

Für die meisten Menschen ist Covid-19 eine leichte Infektion. Schwere Verläufe treten aber bei einem gewissen Teil der Betroffenen auf. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, während Ihr Körper die Infektion bekämpft. Es gibt keine spezifischen Medikamente gegen Covid-19.

Bezüglich der MS-Symptomatik kann die Art und Weise, wie Ihr Körper mit der Infektion umgeht (z.B. Fieber), eine vorübergehende Verschlechterung der MS-Symptome verursachen, unabhängig vom Erreger. Sobald Sie sich von der Infektion erholt haben, sollten sich Ihre MS-Symptome beruhigen. Bezüglich der Fortführung ihrer MS-Therapie sollten Sie sich mit ihrem behandelnden Neurologen/Neurologin beraten.

Auf der Website des Bundesamts für Gesundheit finden Sie regelmässig aktualisierte Informationen und Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Coronavirus: www.bag-coronavirus.ch

Die hier vorliegenden Empfehlungen werden je nach Kenntnisstand angepasst.


MS-Infoline

Die Infoline der MS-Gesellschaft berät Sie unter 0844 674 636 (Mo-Fr, 9 bis 16 Uhr)



Quelle Bild: NIAID - commons.wikimedia.org
×