Detail

Sprachnavigation

Mobile Navigation

MS und Covid-19: Empfehlungen für die Schweiz

Welches Infektionsrisiko besteht für Multiple Sklerose Betroffene und was gilt es in dieser Situation insbesondere hinsichtlich der Anwendung von verlaufsmodifizierenden MS-Therapien zu beachten?

Credit: NIAID-RML, Wikimedia.com, CC BY 2.0

Empfehlungen des Wissenschaftlichen Beirats und der Schweiz. Neurologischen Gesellschaft - UPDATE vom 25. Mai 2020

Grundsätzlich sind die allgemeinen Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) auch für alle MS-Betroffenen gültig. Das Einhalten der hier genannten Regeln ist dabei als Vorsichtsmassnahme zum Schutz vor einer Infektion von grösster Bedeutung.

Darüber hinaus sollten folgende Empfehlungen beachtet werden:

  • Vermeiden Sie öffentliche Versammlungen und Menschenmengen.
  • Vermeiden Sie, wenn möglich, die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel.
  • Nutzen Sie nach Möglichkeit Alternativen zu den routinemässigen Arztterminen von Angesicht zu Angesicht (Nutzen Sie stattdessen z.B. das Telefon).

Wenn Sie an MS leiden, haben Sie zunächst einmal das gleiche Risiko, sich anzustecken, wie jeder andere auch.

Für Menschen mit MS besteht nicht generell ein höheres Risiko, ihr Immunsystem ist durch MS nicht von vorne herein geschwächt.

Sind gewisse MS-Betroffene besonders gefährdet und im Sinne des BAG besonders schützenswert?

Viele Menschen werden nach einer Erkrankung mit dem neuen Coronavirus wieder gesund. Aber für folgende Personen ist das Virus besonders gefährlich. Denn vor allem bei ihnen kann die Erkrankung schwer verlaufen:

- Personen ab 65 Jahren
- Erwachsene mit folgenden Vorerkrankungen:

  • Bluthochdruck
  • Chronische Atemwegserkrankungen
  • Diabetes
  • Erkrankungen und Therapien, die das Immunsystem schwächen
    (Anmerkung: nicht jede Immuntherapie bei MS ist gleich einzuschätzen, eine Aufstellung spezifischer MS-Therapien findet sich weiter unten)
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Krebs
  • oder mit hochgradiger Adipositas (Fettleibigkeit, BMI von 40kg/m2 oder mehr)

>> Siehe BAG-Liste der besonders gefährdeten Personen

Sollen MS-Betroffene ihre MS-Therapie fortführen?

In aller Regel sollen die Therapien planmässig fortgesetzt werden. Der behandelnde Neurologe, die behandelnde Neurologin kann aber eine Verschiebung eines Behandlungsstarts, respektive Einzelheiten zur Behandlungsfortsetzung erwägen.

Bevor eine Immuntherapie begonnen wird, sollten Neurologen und MS-Betroffene bei der Auswahl der am besten für das Individuum geeigneten Therapie die aktuelle Situation beobachten und berücksichtigen.

Welche Medikamente führen zu einer Schwächung meines Immunsystems?

Insgesamt gibt es aufgrund der Dynamik der Covid-19 Erkrankung bisher keine eindeutigen Daten zum Risiko einzelner Substanzen. Die hier getroffene Einschätzung beruht somit auf Expertenkonsensus. Daneben gilt, dass jede Therapieentscheidung durch den behandelnden Neurologen/die behandelnde Neurologin gemeinsam mit den Betroffenen getroffen werden muss, da eine Vielzahl von Aspekten in die individuelle Nutzen- und Risikoabschätzung einfliessen. Grundsätzlich sollte bei Unsicherheit bezüglich des Infektionsrisikos der behandelnde Neurologe, die behandelnde Neurologin gefragt werden (möglichst telefonisch oder schriftlich). Medikamente, die die MS-Symptome wie z.B. Spastik oder Schmerzen lindern, sind von diesen Erwägungen nicht betroffen.

  • Genauere Ausführungen zu MS-Medikamenten

    MS Betroffene ohne immunmodulierende Therapie sind nicht zusätzlich gefährdet, es sei denn, es bestehen andere Risikofaktoren (siehe oben).

    Unter Therapie mit einem Interferon-beta Präparat (Avonex®, Rebif®, Plegridy®, Betaferon®, Extavia®) oder mit Glatirameracetat (Copaxone®) ist von keinem zusätzlich erhöhten Risiko (Infektionsrisiko und/oder schwererem Infektionsverlauf) auszugehen.

    Unter bestimmten Umständen können folgende orale verlaufsmodifizierende Medikamente die Fähigkeit des Immunsystems reduzieren, auf Infektionen zu reagieren: Dimethylfumarat (Tecfidera®) und Teriflunomid (Aubagio®), v.a. bei reduzierten Lymphozytenzahlen.

    Unter Therapie mit Fingolimod (Gilenya®) besteht ein leicht erhöhtes Risiko für Infektionen und/oder schwererem Infektionsverlauf der Atemwege. Auch diese Therapie sollte aber dennoch fortgeführt werden, um eine Wiederkehr der Krankheitsaktivität zu verhindern. In diesen Fällen spielt der Schutz vor einer Infektion eine ganz besondere Rolle.

    Natalizumab (Tysabri®) führt – nach aktueller Einschätzung – nicht zu einem zusätzlich erhöhten Risiko für Atemwegserkrankungen.

    Therapien, die die Zahl der verfügbaren Abwehrzellen über die Dauer der Anwendung hinaus reduzieren [Alemtuzumab (Lemtrada®), Cladribin (Mavenclad®), off-label Rituximab, Ocrelizumab (Ocrevus®)] erhöhen das Infektionsrisiko und das Risiko eines schwereren Infektionsverlaufs besonders in den ersten Wochen nach der Einnahme/Infusion.

    Eine Schubtherapie mit hochdosiertem Kortison kann das Infektionsrisiko und/oder das Risiko eines schwereren Infektionsverlaufs vorübergehend erhöhen. Inwieweit die Schubtherapie notwendig ist, sollte individuell entschieden werden.

    Die Verabreichung bzw. Neueinstellung auf Medikamente, bei denen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf besteht, kann bei entsprechender Nutzen-/Risiko-Abwägung verschoben werden.

Das BAG empfiehlt Schutzmassnahmen für besonders gefährdete Personen

Der Umgang mit den Arbeitsverpflichtungen von Arbeitnehmenden, die einer besonders schützenswerten Personengruppe angehören wird schweizweit einheitlich geregelt. Der Artikel 10c der unten verlinkten Verordnung führt aus unter welchen Vorgaben besonders gefährdete Personen weiter beschäftigt werden dürfen bzw. wann sie unter Lohnfortzahlung von der Arbeitspflicht zu befreien sind.

>> Verordnung 2 über Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus (COVID-19)
Bitte beachten Sie tagesaktuelle Änderungen

Sollen sich MS-Betroffene, die zu einer Risikogruppe gehören isolieren?

Soweit dies möglich ist, sollte man das sogenannte «social distancing» einhalten, die Hygieneregeln befolgen und konsequenterweise zuhause bleiben.

>> Beachten Sie auch hier regelmässig die Empfehlungen des BAG

Was geschieht, wenn ich einen MS-Schub habe?

Eine Schubtherapie mit hochdosiertem Kortison könnte das Infektionsrisiko und/oder das Risiko eines schwereren Infektionsverlaufs vorübergehend erhöhen. Inwieweit die Schubtherapie notwendig ist, sollte daher im Einzelfall entschieden werden. Sehr milde Schübe, z.B. mit ausschliesslich leichten Gefühlsstörungen, müssen nicht zwangsläufig mit Kortison behandelt werden. Trotzdem sollten Sie sich im Falle von neuen (oder sich verschlechternden) Symptomen Ihren behandelnden Arzt umgehend telefonisch kontaktieren.

Wenn eine Kortison-Therapie notwendig ist, werden Infekte vor Behandlungsbeginn klinisch und labortechnisch (Blut- und Urin-Untersuchung) ausgeschlossen. Zudem ist aktuell auf ein Ausschleichen einer Kortison-Therapie, also die schrittweise Reduktion des Medikaments zu verzichten.

Unter besonderen Umständen kommt in der Schubtherapie eine Form der Blutwäsche (Plasmapherese) zum Einsatz. Diese soll nur nach Rücksprache mit einem spezialisierten MS-Zentrum durchgeführt werden.

Gerade auch im Zusammenhang mit der Schubtherapie muss strikt auf die Einhaltung der Hygieneregeln und soziale Distanzierung geachtet werden. Kontaktaufnahmen mit dem behandelnden Arzt sollten zunächst telefonisch erfolgen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Auf die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sollte verzichtet werden. Die MS-Gesellschaft bietet finanzielle Hilfe, wenn Sie eine Transporthilfe benötigen. 

Was bedeutet es für meine Gesundheit, wenn ich tatsächlich an Covid-19 erkranken sollte?

Für die meisten Menschen ist Covid-19 eine leichte Infektion. Schwere Verläufe treten aber bei einem gewissen Teil der Betroffenen auf. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, während Ihr Körper die Infektion bekämpft. Es gibt keine spezifischen Medikamente gegen Covid-19.

Bezüglich der MS-Symptomatik kann die Art und Weise, wie Ihr Körper mit der Infektion umgeht (z.B. Fieber), eine vorübergehende Verschlechterung der MS-Symptome verursachen, unabhängig vom Erreger. Sobald Sie sich von der Infektion erholt haben, sollten sich Ihre MS-Symptome beruhigen. Bezüglich der Fortführung ihrer MS-Therapie sollten Sie sich mit ihrem behandelnden Neurologen/Neurologin beraten.

Auf der Website des Bundesamts für Gesundheit finden Sie regelmässig aktualisierte Informationen und Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Coronavirus: www.bag-coronavirus.ch

Die hier vorliegenden Empfehlungen werden je nach Kenntnisstand angepasst.


MS-Infoline

Die Infoline der MS-Gesellschaft berät Sie unter 0844 674 636



Quelle Bild: NIAID - commons.wikimedia.org
×