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Covid-19: Empfehlungen des Wissenschaftlichen Beirats der MS-Gesellschaft

Welches Infektionsrisiko besteht für Multiple Sklerose Betroffene und was gilt es in dieser Situation insbesondere hinsichtlich der Anwendung von verlaufsmodifizierenden MS-Therapien zu beachten?

Credit: NIAID-RML, Wikimedia.com, CC BY 2.0

Empfehlungen des Wissenschaftlichen Beirats und der Schweiz. Neurologischen Gesellschaft - UPDATE vom 28. Juli 2020

Bitte weiterhin mit grosser Sorgfalt die Hygienemassnahmen beachten!

Die Zahl der Neuinfektionen in der Schweiz und anderen europäischen Ländern steigt nach Beginn der Lockerungen wieder an. Sie schützen sich und andere, wenn Sie die notwendigen Hygienemassnahmen (Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit BAG) mit grosser Sorgfalt einhalten. Es ist zu beachten, dass Personen, die bereits eine Covid-19 Infektion durchgemacht haben, möglicherweise nicht vor einer Neuinfektion geschützt sind. Infizierte Personen mit milden oder garkeinen Symptomen können andere unwissentlich infizieren, bei denen es dann zu schweren Verläufen kommen kann. Empfehlungen beruhen auf Expertenmeinungen und ersten vorläufigen Daten und werden jeweils nach gültigem Wissensstand aktualisiert (siehe auch die internationalen Empfehlungen der MSIF, auf Englisch, oder die deutsche Übersetzung als PDF).

Bitte beachten Sie die aktuellen Verordnungen des BAG.

Corona-Virus-Infektion und saisonale Grippe: Es ist nicht dasselbe!

Ein Grossteil der Bevölkerung und MS-Betroffene können einen Impfschutz gegen die saisonale Grippe erhalten, wenn sie sich impfen lassen. Gegen das Corona-Virus gibt es auch in naher Zukunft keinen Impfstoff und damit keinen Schutz. Basierend auf den heute bekannten Zahlen, ist die Sterblichkeit bei einer Covid-19 Infektion deutlich höher, als bei einer saisonalen Grippe. Die höhere Sterblichkeit des Corona-Virus ist möglicherweise darin begründet, dass das Corona-Virus die Lungenfunktion beeinträchtigen und zu schweren Kreislaufkomplikationen führen kann. Infizierte Personen mit milden oder gar keinen Symptomen können andere unwissentlich infizieren, bei denen es dann zu schweren Verläufen kommen kann.

Weshalb sollte der Besuch beim Arzt nicht aufgeschoben werden?

Unter Einhaltung der Hygienemassnahmen im Rahmen der Covid-19-Pandemie sollten Facharztbesuche stattfinden. Abhängig vom individuellem Krankheitsverlauf und der entsprechenden Therapiesituation stehen notwendige Kontrolluntersuchungen an, die nicht eigenmächtig ausgesetzt werden sollten. Auswirkungen zur Einschätzung der Therapiewirksamkeit und –sicherheit können und müssen durch den behandelnden Arzt zum vorgesehenen Zeitpunkt überprüft werden. Stimmen sie mögliche verlängerte Therapieintervalle unbedingt mit ihrem Neurologen ab. Ohne ärztliche Beurteilung sollte eine solche Entscheidung nicht getroffen werden.

Sind gewisse MS-Betroffene besonders gefährdet und im Sinne des BAG besonders schützenswert?

Wenn Sie an MS leiden, haben Sie zunächst einmal das gleiche Risiko, sich anzustecken, wie jeder andere auch.

Für Menschen mit MS ohne relevante Behinderung (siehe unten) besteht nicht generell ein höheres Risiko, ihr Immunsystem ist durch MS nicht von vorne herein geschwächt.

Bei bestimmten Personengruppen kann die Covid-19 Erkrankung schwerer verlaufen:

- Personen ab 65 Jahren
- Personen mit diesen Vorerkrankungen:

  • hochgradige Adipositas (BMI von über 40kg/m2)
  • Bluthochdruck
  • Chronische Atemwegserkrankungen
  • Diabetes
  • Erkrankungen und Therapien, die das Immunsystem schwächen
    (Anmerkung: nicht jede Immuntherapie bei MS ist gleich einzuschätzen, eine Aufstellung spezifischer MS-Therapien findet sich weiter unten)
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Krebs

>> Siehe BAG-Liste der besonders gefährdeten Personen

Das Risiko für MS-Betroffene, im Falle einer Infektion einen schwereren Covid-19 Verlauf zu erleiden, steigt ebenfalls mit dem Alter, bei progredienter MS und höherer körperlicher Behinderung, gemessen an der sogenannten EDSS-Skala (z.B. Notwendigkeit einer Gehhilfe, um 100 Meter zurückzulegen). Insbesondere diese Gruppen von MS-Betroffenen sollten die o.g. Massnahmen berücksichtigen, um sich vor einer Ansteckung zu schützen, und ihre individuelle Situation mit ihrem Neurologen besprechen.

Sollen MS-Betroffene ihre MS-Therapie fortführen?

Die erhöhte Gefahr, aufgrund des Absetzens einer Therapie eine Verschlechterung der MS zu erleiden, ist mit dem aktuell relativ niedrigen Infektionsrisiko in der Schweiz abzuwägen. Daher sollten Immuntherapien in Absprache mit den behandelnden Neurologen derzeit planmässig fortgesetzt werden. Grundsätzlich sollte bei Unsicherheit bezüglich der Therapie die behandelnde Neurologin/e befragt werden. Weiterhin gilt, dass jede Therapieentscheidung durch die behandelnden Neurologen gemeinsam mit den Betroffenen getroffen werden muss, da eine Vielzahl von Aspekten in die individuelle Nutzen- und Risikoabschätzung einfliessen. Medikamente, die die MS-Symptome wie z.B. Spastik oder Schmerzen lindern, sind von diesen Erwägungen nicht betroffen.

  • Genauere Ausführungen zu MS-Medikamenten

    MS-Betroffene ohne immunmodulierende Therapie sind nicht zusätzlich gefährdet, es sei denn, es bestehen andere Risikofaktoren (siehe oben).

    Unter Therapie mit einem Interferon-beta Präparat (Avonex®, Rebif®, Plegridy®, Betaferon®, Extavia®) oder mit Glatirameracetat (Copaxone®) ist von keinem zusätzlich erhöhten Risiko (Infektionsrisiko und/oder schwerer Infektionsverlauf) auszugehen.

    Bisherige, allerdings eingeschränkte Daten weisen darauf hin, dass die Behandlung mit Dimethylfumarat (Tecfidera®) und Teriflunomid (Aubagio®) nicht mit einem erhöhten Risiko eines schweren Covid-19 Verlaufes einhergeht, vorausgesetzt verschiedene Blutwerte (v.a. Lymphozytenzahlen) sind nicht reduziert.

    Auch scheint die Behandlung mit Fingolimod (Gilenya®) das Risiko eines schweren Infektionsverlaufes nicht zu steigern, wobei es sich auch hierbei um vorläufige Ergebnisse handelt.

    Die Behandlung mit Tysabri scheint nicht mit einem erhöhten Risiko eines schweren Infektionsverlaufs einherzugehen, jedoch sind die bisherigen Daten zur Behandlung mit Natalizumab (Tysabri®) noch nicht ausreichend, um eine definitive Aussage im Rahmen der Covid-19 Pandemie zu machen.

    Die Daten, die zum aktuellen Zeitpunkt vorliegen (22.06.2020), lassen keine gesicherten Rückschlüsse darauf zu, dass die Behandlung mit Ocrelizumab (Ocrevus®) oder Rituximab (Mabthera®) mit einem erhöhten Risiko behaftet sein könnte, einen schweren Covid-19 Verlauf zu erleiden. Jedoch sollten MS Betroffene, die mit diesen Therapien behandelt werden besonders die oben genannten Sicherheitsempfehlungen zum Schutz vor Infektionen einhalten. Für die Therapie mit diesen Medikamenten gelten festgelegte Abläufe. Eine Veränderung des Therapieablaufes im Einzelfalle (z.B. Verschiebung der Infusion) sollte bezüglich möglicher Vor- und Nachteile mit der Neurologin/Neurologen besprochen werden.

    Die bisherigen Daten zur Behandlung mit Alemtuzumab (Lemtrada®) und Cladribin (Mavenclad®) sind noch nicht ausreichend, um eine weitere Einschätzung im Rahmen der Covid-19 Pandemie auszusprechen. Der Neubeginn bzw. die Gabe von weiteren Zyklen und im Falle von erniedrigten Lymphozytenwerten unter Alemtuzumab und Cladribin sollten individuell mit der Neurologin/Neurologen abgesprochen werden. Zudem sind die geeigneten Schutzmassnahmen abzuwägen.

Was geschieht, wenn ich einen MS-Schub habe?

Eine Schubtherapie mit hochdosiertem Kortison könnte das Infektionsrisiko und/oder das Risiko eines schwereren Infektionsverlaufs vorübergehend erhöhen. Inwieweit die Schubtherapie notwendig ist, sollte daher im Einzelfall entschieden werden. Sie sollten sich im Falle von neuen (oder sich verschlechternden) Symptomen Ihren behandelnden Arzt umgehend kontaktieren. Die Beurteilung eines Schubes und die Therapie sollte möglichst durch einen in der Therapie der MS erfahrenen Arzt erfolgen.

Unter besonderen Umständen kommt in der Schubtherapie nach einer Steroidtherapie eine Form der Blutwäsche (Plasmapherese) zum Einsatz. Diese soll nur nach Rücksprache mit einem spezialisierten MS-Zentrum durchgeführt werden.

Von der hochdosierten Kortisontherapie im Rahmen der akuten Schubbehandlung ist die Behandlung mit (niedriger dosiertem) Kortison im Rahmen der Covid-19 Infektion zu unterscheiden, die laut bisherigen Berichten den Infektionsverlauf beeinflussen könnte.

Gerade auch im Zusammenhang mit der Schubtherapie muss strikt auf die Einhaltung der Hygieneregeln und Abstandsregeln geachtet werden. Die MS-Gesellschaft bietet finanzielle Hilfe, wenn Sie eine Transporthilfe benötigen

Was bedeutet es für meine Gesundheit, wenn ich tatsächlich an Covid-19 erkranken sollte?

Für die meisten Menschen ist Covid-19 eine leichte Infektion. Schwere Verläufe treten aber bei einem gewissen Teil der Betroffenen auf. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, während Ihr Körper die Infektion bekämpft. Es gibt derzeit keine spezifischen anerkannten Medikamente gegen Covid-19.

Bezüglich der MS-Symptomatik kann die Art und Weise, wie Ihr Körper mit der Infektion umgeht (z.B. Fieber), eine vorübergehende Verschlechterung der MS-Symptome verursachen, unabhängig vom Erreger. Sobald Sie sich von der Infektion erholt haben, sollten sich Ihre MS-Symptome beruhigen. Bezüglich der Fortführung Ihrer MS-Therapie sollten Sie sich mit Ihrer behandelnden Neurologin/Neurologen beraten.

Auf der Website des Bundesamts für Gesundheit finden Sie regelmässig aktualisierte Informationen und Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Coronavirus: www.bag-coronavirus.ch.

Die hier vorliegenden Empfehlungen werden je nach Kenntnisstand angepasst.


MS-Infoline

Die Infoline der MS-Gesellschaft berät Sie unter 0844 674 636 (Mo-Fr, 9 bis 13 Uhr) 


Quelle Bild: NIAID - commons.wikimedia.org
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