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MS-Sprechstunden ganz in der Nähe

Dezentrale Anlaufstellen erhöhen die Chance, dass sich MS-Betroffene durch den kürzeren Anreiseweg möglichst früh beraten lassen. Das seit Ende 2008 bestehende Angebot der MS-Sprechstunde in St. Gallen wird denn auch rege genutzt und wurde nach den ersten Erfolgen auch in weiteren Städten erfolgreich aufgebaut. FORTE hat eine Beraterin bei ihrer Arbeit begleitet.

MS-Sprechstunden ganz in der Nähe

Wie jeden zweiten Dienstag verlässt die diplomierte Sozialarbeiterin FH, Pascale Gordon, auch an diesem Tag gegen 10 Uhr ihr Büro im MS-Zentrum Zürich, um die Reise nach St. Gallen anzutreten. Dort steht ihr im Kantonsspital ein Raum zur Verfügung, in dem sie nachmittags MS-Betroffene und Angehörige aus der Ostschweiz berät. Pascale Gordon gehört zum 10-köpfigen Beratungsteam des MS-Zentrums Deutschschweiz. MS-Betroffene und ihr Umfeld finden bei der MS-Gesellschaft ein Beratungsangebot, das ihnen bei den komplexen sozialen, psychischen, pflegerischen und medizinischen Fragestellungen zur Lebensbewältigung hilft.

Alle Sozialarbeitenden sind für einen bestimmten geographischen Raum und für ein Fachgebiet (zum Beispiel Sozialversicherungen, Hilfsmittel, Entlastung) zuständig, bieten Beratungen im MS-Zentrum Zürich, via MS-Infoline oder in MS-Sprechstunden in der ganzen Schweiz an und wirken bei der Durchführung von Veranstaltungen zu aktuellen Themen mit (siehe Veranstaltungen Seite 24). An ihrer Arbeit schätzt Pascale Gordon vor allem, dass sie Betroffene aktiv unterstützen kann. «Häufige Themen in den Beratungen sind zum Beispiel Fragen rund um die Diagnose MS und zu den allfälligen nächsten Schritten wie Reduktion des Arbeitspensums, Früherfassung und Anmeldung der IV, Hilfsmittelabklärungen, Entlastungsmöglichkeiten oder finanzielle Unterstützung», erklärt die MS-Beraterin.

Nähe wird geschätzt

An diesem Nachmittag wird Pascale Gordon drei MS-Betroffene aus der Ostschweiz beraten. Die Anmeldungen erfolgten via MS-Infoline. Daniela H. kennt Pascale Gordon aus früheren Beratungen. Die MS-Betroffene, die bis vor Kurzem noch ein 50%-iges Arbeitspensum bewältigt hat, ist von ihrer Ärztin vollständig arbeitsunfähig geschrieben worden. Pascale Gordon erklärt ihr Schritt für Schritt den Ablauf bei der IV-Anmeldung, hilft ihr beim Ausfüllen der Formulare und notiert, welche Kopien noch fehlen. Daniela H. ist sehr froh um diese Hilfe, denn aufgrund ihrer kognitiven Einschränkungen sind solche administrativen Aufgaben für sie sehr schwierig geworden. «Die MS-Sprechstunde ist für mich extrem wichtig. Und dass die MS-Beraterin nach St. Gallen kommt, ist wunderbar, denn es wäre für mich unmöglich, nach Zürich zu reisen.» Nachdem die Unterlagen geordnet und die nächsten Schritte definiert sind, erkundigt sich Pascale Gordon nach dem generellen Befinden im Alltag.

Es stellt sich heraus, dass Daniela H. den Haushalt ganz alleine bewältigt, was sie oft an die Grenzen ihrer Kräfte bringt. Die MS-Beraterin zeigt ihr auf, welche Möglichkeiten sie hat, um eine unterstützende Haushaltshilfe zu beantragen. Nach einer Stunde verabschiedet sich Daniela H. dankbar. Die anderen zwei Ratsuchenden sieht Pascale Gordon zum ersten Mal: Nach einem Schub und einer reduzierten Arbeitsfähigkeit erkundigt sich der eine Betroffene, Robert W., nach den nächsten Schritten betreffend Sozialversicherungen während die andere Betroffene, Stefanie H., nicht weiss, wie das Vorgehen für eine notwendige Wohnungsanpassung und das Beantragen von Hilfsmitteln ist. In den Beratungen kommen auch medikamentöse Fragestellungen zur Sprache. Hier verweist Pascale Gordon an die spezialisierte Pflegeberaterin der MS-Gesellschaft, die neutral Auskunft gibt über die verschiedenen Therapien und sämtliche gesundheitlichen Anliegen.

15 Standorte

Es ist schon dunkel, als Pascale Gordon den Rückweg nach Zürich antritt. Vom Angebot der dezentralen Beratungen ist sie überzeugt. «Damit entspricht die MS-Gesellschaft einem grossen Bedürfnis der Betroffenen. Denn viele sind in ihrer Mobilität eingeschränkt oder zum Beispiel durch die Fatigue zu erschöpft, um in die Beratung in eines unserer Zentren zu fahren. Für mich ist es deshalb schön, alle vierzehn Tage nach St. Gallen zu reisen.

Auch deshalb, weil wir hier im Kantonsspital so freundlich empfangen werden.» St. Gallen war der erste Ort, an dem die MSGesellschaft 2008 eine MS-Sprechstunde eröffnete. Seither sind zu den drei Zentren in Zürich, Lausanne und Lugano weitere regionale Sprechstunden dazugekommen: In Basel, Bern, Biel,
Chur, Freiburg, Genf, Glarus, Luzern, Martigny, Neuenburg, Schaffhausen, Spiez, St. Gallen und Thurgau. Am 1. Januar 2013 wurde eine weitere MS-Sprechstunde am Kantonsspital Aarau eröffnet.

Die regionalen MS-Sprechstunden beinhalten schwergewichtig psychosoziale Unterstützung durch ausgebildete Sozialberatende sowie Beratung rund um die Sozialversicherungen und Vernetzung zu weiteren Fachpersonen. Das dezentrale Angebot soll sicherstellen, dass MS-Betroffene und ihre Angehörigen jederzeit professionelle Ansprechpersonen in ihrer Nähe haben.

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