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Gesichter der MS 2022: Kerstin Moser

Wer bin ich, ist eine gute Frage. ich heisse Kerstin, bin 45 Jahre alt und lebe seit 17 Jahren mit meinem Schweizer Lebenspartner zusammen, in Wil SG, in einem kleinen Haus. Wir haben 2 Hunde und eine Katze.

Ursprünglich komme ich aus Baden-Württemberg. Von Beruf bin ich gelernte Krankenschwester (Diplomierte Pflegefachfrau), habe 20 Jahre mit Leib und Seele auf meinem Beruf sowohl in der Schweiz wie auch in Deutschland gearbeitet. Danach kam aufgrund eines schweren Schubes das berufliche Aus und die IV Rente.

Wie würde dich deine beste Freundin/dein bester Freund in ein, zwei Sätzen beschreiben?
«Simply the best.» Immer zur Stelle, man sie braucht, du brauchst nicht zu fragen «wann», sondern nur «wo» -  und sie kommt.

Welche 3 Dinge kannst du richtig gut?
Stricken, kreativ sein und werkeln.

Für welche 3 Dinge hast du null Talent?
Häkeln, singen, malen.

Du darfst für 24 Stunden in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen. Wer wolltest du sein? Und warum?
Mutter Teresa. Sie ist für mich eine Heldin - und was sie geleistet hat, das würde ich auch gerne erreichen.

Umgekehrt: Wer sollte mal einen Tag lang dein Leben mit MS führen? Warum?
Ärzte, Neurologen, Arbeitgeber und Kollegen in der Pflege, die IV und die SVA. Von Ihrer Seite erwartet man eigentlich, dass sie sich mit der Krankheit auskennen und damit umgehen können. Dass sie Verständnis und Empathie aufbringen, aber leider - und ich rede nur von meiner eigenen Erfahrung - habe ich genau mit diesen Berufsgruppen die übelsten Erfahrungen im Umgang mit der Krankheit gemacht und unzählige Kämpfe ausgefochten und fechte sie teilweise immer noch aus, um zu meinem Recht zu kommen und um Verständnis zu erhalten, für meine Krankheit und meine Art damit umzugehen.

Wie und in welchem Alter wurde dir die Diagnose MS vermittelt?
Mit 27 Jahren. Es war ca. ein halbes Jahr nach meiner vierten Fehlgeburt und meinem vierten Sternenkind. Die Übermittlung war sehr plump. 6 Monate durchlief ich einen Ärztemarathon und wurde als Simulantin hingestellt, bis letztlich die Symptome, das gewonnene Liquor und die vielen MRTs keinen Zweifel mehr zuliessen.

Wie hast du dich bei der Neudiagnose über MS informiert?
Seinerzeit war das noch kein so gross vertretenes Thema wie heute, finde ich. Man hat sich mit dem, was die Ärzte damals sagten, begnügen müssen. In der Reha bekam man mehr Infos und über die Jahre machte es dann das Internet.

Was waren deine ersten MS-Symptome? Welche bestimmen deinen Alltag heute?
Eine komplette Halbseitenlähmung rechts, Schwindel und Kopfschmerzen. Im Alltag: Taube Hände vom Handgelenk bis in die Fingerspitzen, taube Füsse vom Knie bis in die Zehen. Gleichgewichtsprobleme, Blasenfunktionsstörungen, Probleme beim Laufen und Gehen und Schluckstörungen.

Wie stark hat die Diagnose MS deine Lebenspläne und -ziele verändert?
Gar nicht, geht nicht, gibts für mich nicht. Auch mit allen Handicaps schaffe ich das, was ich mir vornehme, wenn auch nicht mehr so schnell und teilweise mit sehr kreativen Anpassungen wie Gartenarbeiten im Sitzen, Treppensteigen im Vierfüssler-Gang oder auf dem Hintern rutschend. Ach, Frau wird kreativ.

Was ist dein grösstes Learning vom Leben mit MS?
Wer aufgibt, verliert. Daher lebe ich jeden Tag, als wäre es mein letzter und geniesse und koste jeden Tag voll aus.

Wenn du gegenüber einer Person sitzen würdest, die gerade kürzlich die Diagnose MS erhalten hat: Was würdest du ihr sagen?
Du hast die Krankheit und nicht die Krankheit dich. Und jetzt geh´ und lerne damit zu leben und kämpfe jeden Tag.

Hast du Angst vor Benachteiligung -  im Beruf, in Beziehungen, in Freizeitvereinen – wenn du mit deiner Diagnose offen umgehst? Oder hast du sogar schon Benachteiligung erlebt?
Angst habe ich vor nichts. Offen mit der Diagnose umzugehen, ist manchmal ein Wagnis, denn nicht allzu oft erfährt man Verständnis und Empathie. Aber andererseits ist es das Salz in der Suppe, was einen erst recht kämpfen lässt. Ich lasse mich nicht unterkriegen, denn wie gesagt, geht nicht, gibts nicht. Wo ein Wille ist, ist immer auch ein Weg.

An nicht so guten Tagen:  wer oder was gibt dir Mut und Hoffnung?
Mein Dickschädel und mein eiserner Wille. Ich bin sehr streng mit mir selbst. Und was ich nicht will, ist Mitleid.

Nimmt unsere Gesellschaft deiner Erfahrung nach genügend Rücksicht auf Personen mit MS? Falls nein: Was würdest du dir von nicht Betroffenen wünschen?
Nein. Es gibt noch vieles, was man verbessern könnte. Vor allem sollte die Gesellschaft lernen, dass kein MS-Erkrankter ist wie der andere. Jeder hat eigene Einschränkungen und Bedürfnisse, die kann man nicht via eines Kataloges behandeln. Beispiel Parkkarte für Gehbehinderte: Mein täglicher Aufreger.

Welche 3 deiner Eigenschaften sind für das Leben mit MS hilfreich?
Meine Zielstrebigkeit, mein teilweise makabrer Humor, gepaart mit einer morbiden Ader :-) Auch denke ich immer positiv.

Welche 3 deiner Charakterzüge machen es eher schwierig? 
Für meine Umwelt: Die oben Genannten. Für mich, meine Sturheit: Eigenes körperliches Versagen nicht zuzulassen.

Hast du manchmal schlaflose Nächte? Was raubt dir den Schlaf?
Ja, die Nebenwirkungen der Basistherapie. Dann hilft Bügeln, auch mitten in der Nacht.

Gibt es Momente, in denen du die MS vergessen kannst?
Klar, ich denke nicht täglich daran, dafür habe ich gar keine Zeit.

Beim Flirten oder beim Date: Ist man als MS-Betroffene/r zurückhaltender? Gibt es einen «guten» Moment, die MS-Erkrankung zu outen?
Man bleibt der gleiche Mensch mit oder ohne MS. Ich persönlich habe meinem Partner damals nach dem zweiten Treffen gesagt, dass ich krank bin und ihm die Entscheidung überlassen, ob es was mit uns wird oder nicht. Das hält jetzt 17 Jahre.

Was wolltest du schon immer mal machen? Was hat dich davon abgehalten?
Den Appalachen-Trail abwandern. 3700 Kilometer. Was hält mich davon ab? Tja, die Tatsache, dass ich maximal 1 Kilometer laufen kann pro Tag, solange gibt mir die Familie keine Zeit in der Wildnis alleine. Aber Teilstrecken werde ich absolvieren, kleine, aber viele kleine geben auch einen Weg.

Du darfst als Gastgeber/in eines Galadinners 3 beliebige Menschen einladen. Wer wäre das und warum?
Mutter Teresa, den Dalai Lama und Garry Sinise. Alles drei herausragende Persönlichkeiten, an denen  ich mich im Alltag orientiere. Und genau wie sie, versuche ich jeden Tag, etwas Gutes für andere zu tun.

Du kannst mit einer Zeitmaschine an einen beliebigen Punkt in der Zukunft reisen: Welcher wäre das und warum?
Das will ich ehrlich gesagt gar nicht. Man sollte das Leben sehen wie ein Buch. Jeden Tag schreibt man eine neue Seite und fügt Kapitel hinzu. Wer will schon wissen, was am Ende steht. Okay, der Tod, aber der kommt, wenn das Buch zu Ende ist und solange will ich es nicht wissen.

Und jetzt das Ganze anders herum: du kannst in die Vergangenheit reisen. Welches Ereignis/Jahr/Tag würdest du wählen? Und warum?
Das Gleiche. Ich lebe im Hier und Jetzt und auch die Vergangenheit sollte man nicht verändern wollen oder ihr nachtrauern. Alles hat seine Zeit und alles, was passiert ist, oder noch passiert, ist vorbestimmt und sollte nicht beeinflusst werden. Ich bereue nichts in meiner Vergangenheit und ich würde alles genauso wieder machen, mit allen positiven und negativen Ereignissen.

Welche Beziehung hast du zur Schweiz. MS-Gesellschaft? Gibt es Wünsche, die du an die Schweiz. MS-Gesellschaft hast?
Ich mag das Land und die Leute. Die MS Gesellschaft finde ich eine gute Anlaufstelle. An die MS Gesellschaft: Ja, dass das Thema MS publik bleibt und auch in der Öffentlichkeit.

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